Noch ein Verband? Warum das denn?

Ein Grußwort aus dem Home Office

Mitten in der zweiten Corona-Welle setzt der Bundesverband Rauchfreie Alternative e. V. Segel und sticht in See. Das ist mutig, vielleicht sogar waghalsig. Denn, um im Bild zu bleiben: Das kleine Dampferschiff mit dem großen Namen am Bug droht von Beginn an in der Flut der Pandemie-Berichte unterzugehen.

Warum braucht es überhaupt einen Verband der E-Zigaretten-Konsumenten, wo es in Deutschland doch schon zwei Herstellerverbände gibt?
Es liegt nahe, einen Konsumentenverband zu gründen, weil die E-Zigarette ein Produkt ihrer Nutzer ist. Soll heißen: Nur dank der Dampferbewegung ist sie zu der rauchfreien Alternative geworden, die mehr als jede andere Ware oder Maßnahme dazu beitragen könnte, die Schäden des Tabakkonsums zu reduzieren.

Was Alternativen zur herkömmlichen Zigarette für die Schadensreduzierung (neudeutsch „harm reduction“) leisten können, zeigt das Beispiel Schweden. Hier ist die Sterberate aufgrund von Lungenkrebs deutlich niedriger als in allen anderen EU-Ländern, seitdem sich der rauchfreie Snus-Tabak als Ersatzprodukt für Tabakzigaretten durchgesetzt hat. Dieser Gewinn an Lebensjahren und Lebensqualität war nur möglich, weil die Mehrzahl der schwedischen Snus-Konsumenten tatsächlich ganz mit dem Rauchen aufgehört hat.

Bei der E-Zigarette sieht das noch anders aus: Zumindest in Deutschland rauchen die meisten Dampfer nebenher weiter. Dieser „duale Konsum“ mag für eine Übergangszeit vertretbar sein, auf Dauer aber geht dadurch der Gesundheitsvorteil einer rauchfreien Alternative verloren. Das parallele Dampfen und Rauchen nutzt allein den Tabakkonzernen, die ihr Produktsortiment deshalb um eigene E-Zigaretten erweitert oder unabhängige Anbieter aufgekauft haben.

Ich halte es für eine weise Entscheidung, dass die Gründer des neuen Verbandes auf Zuwendungen seitens der Hersteller verzichten wollen. Nur so bietet sich die Chance, dass die Strategie der Schadensreduzierung ernst genommen wird und mehr Gehör findet als bisher. Und das ist bitter nötig, denn hierzulande halten viele Ärzte, Journalisten und Politiker die E-Zigarette für einen Trick, mit dem die Tabakindustrie Kinder und Jugendliche zum Nikotinkonsum verführen will. Eine der größten Herausforderungen für den neuen Verbraucherverband wird sein, auf die Ignoranz und Arroganz mancher „Experten“ zu reagieren, ohne selber ausfällig zu werden und sich dadurch in Misskredit zu bringen.

Der Bundesverband Rauchfreie Alternative e. V. ist ein kleiner Verein mit einem großen Ziel. Die E-Zigarette hat das Potential, Millionen von Menschen vor dem Tabaktod zu bewahren. Diese Botschaft publik zu machen ist gerade in Deutschland ein mühsames Geschäft. Deshalb ist es nicht schlimm, wenn das Dampferschiff – siehe oben – nur schleppend vorankommt und unterwegs strandet. Schlimm wäre nur, es nicht wenigstens versucht zu haben.

In diesem Sinne wünsche ich, ein Nicht-Konsument von Nikotinprodukten, dem Konsumentenverband alles Gute und sage Ahoi.

Noch ein Verband? Warum das denn?
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Dietmar Jazbinsek

Dietmar Jazbinsek

Freier Wissenschaftsredakteur
Der Berliner Soziologe beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Strategien der Tabakkonzerne und hat dazu Beiträge in großen Medien veröffentlicht. (Die Zeit, Telepolis, etc.) Er ist Herausgeber des Fachbuchs "Gesundheitskommunikation".
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