EVALI

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Wie man gepanschte Drogen vom Schwarzmarkt als Argument nutzte, um das Dampfen von Nikotin zu diskreditieren und welche Rolle die US-Behörden FDA und CDC, sowie die US-Bundesstaaten und die Presse dabei gespielt haben.

Vorwort

Im Sommer 2019 gab es in den USA eine große Anzahl von Fällen, in denen Personen, die THC haltige Produkte via Verdampfung konsumiert haben, schwer erkrankten oder verstarben. Die Überlebenden leiden oft ein Leben lang unter dauerhaften Folgeschäden. Die Ursache lag in der Verwendung von Vitamin E Acetat als billiges Streckmittel. Obwohl früh klar war, dass Cannabis Cartridges vom Schwarzmarkt die Auslöser waren, wurde vom CDC (Centers for Disease Control and Prevention) und FDA (Food and Drug Administration) sehr gezielt PR gegen das Dampfen von nikotinhaltigen Flüssigkeiten betrieben. Die eigentlich notwendige eindeutige Warnung an die Verbraucher, dass es bei den Krankheits- und Todesfällen eben NICHT um den Konsum nikotinhaltiger Liquids geht, sondern um illegale THC Produkte wurde viel zu lange hinausgezögert. Dabei spielten Realpolitik und finanzielle Interessen der US-Bundesstaaten eine massive Rolle.

Die Timeline:

  • 17.08.2019: Die CDC veröffentlich ein Statement, in dem sie erklären, dass man Fälle untersucht, in denen Konsumenten von E Zigaretten von einer neuartigen Lungenerkrankung betroffen seien (1).
  • 23.08.2019: Es ist leider der erste Todesfall zu beklagen (2).
  • 28.08.2019: Rolling Stone Magazin vermutet bereits korrekterweise, dass Schwarzmarkt THC Cartidges (vom Hersteller fertig vorbefüllte Kartuschen) die Ursache sind (22).
  • 30.08.2019: Das CDC warnt davor, E Zigaretten, Pods und Liquids „auf der Straße“ zu kaufen (3). Diese Pressemeldung enthält bereits die Aussage „..many patients have reported using e-cigarettes containing cannabinoid products such as THC or CBD“. Ebenfalls wird mit “Dank Vapes” der wohl bekannteste Markenname im späteren Verlauf der Ermittlungen bereits namentlich genannt. Daraus kann man ableiten, dass den Verantwortlichen sehr wohl schon zu diesem Zeitpunkt bekannt war, wo die Ursache zu suchen ist. Nach außen wird aber zu diesem Zeitpunkt noch sehr klar der E Zigarette ganz allgemein und eben nicht Schwarzmarkt THC Produkten die Schuld zugeschoben.
  • 04.09.2019: Leider ist schon das 2. Opfer zu beklagen (4).
  • 05.09.2019: Das New York State Department of Health erklärt, dass in fast allen von ihnen getesteten THC Cartidges hohe Dosen von Vitamin E Acetat (Tocopherylacetat) enthalten waren (24).
  • 05.09.2019: Das Rolling Stone Magazin mutmaßt öffentlich, dass THC Carts und darin enthaltenes Vitamin E Acetat die Ursache sind (23).
  • 06.09.2019: Die CDC verkündet, dass laut Befragungen der Patienten nicht ein einzelnes Produkt verantwortlich wäre. Zwar hätten viele Betroffene angegeben, THC Produkte konsumiert zu haben, aber eben nicht alle. Da THC in vielen Bundesstaaten immer noch illegal ist muss man von einer hohen Quote von Falschaussagen zur entsprechenden Frage ausgehen.
  • 06.09.2019: Senator Durbin (Illinois) twittert von über 450 Personen im Krankenhaus und fordert die FDA auf, alle Aromen außer Tabak zu verbieten und alle nicht von der FDA explizit zugelassenen Geräte vom Markt zu entfernen (5). Er gibt dem FDA Commissioner dazu 10 Tage Zeit und fordert für den Fall der Nichterfüllung dessen Rücktritt.
  • 19.09.20219: Die FDA erklärt, dass man strafrechtliche Untersuchungen aufnehmen wird (6). Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 38 Bundesstaaten betroffen und die Öffentlichkeit war immer noch im Glauben, es ginge um E-Zigaretten.
  • 24.09.2019: Das California Department of Public Health warnt vor jeder Form von “dampfen”, egal ob mit Nikotin oder THC (7).
  • 27.09.2019: NBC News berichtet darüber das sehr wahrscheinlich Vitamin E Acetat in Schwarzmarkt THC Produkten die Ursache ist. (16)
  • 09.10.2019: Im US Staat Washington wurde ein Verkaufsverbot für alle Dampfprodukte (egal ob mit oder ohne Nikotin oder THC) beschlossen.
  • 17.10.2019: Der Name EVALI (E-cigarette or Vaping product use Associated Lung Injury) wird ab jetzt von offiziellen Stellen einheitlich verwendet.
  • 31.10.2019: Zum Stichtag gab es 1888 bekannte Betroffene und 37 Tote.
  • 01.11.2019: Das Weiße Haus erklärt, dass man über ein Verbot von allen aromatisierten Dampfprodukten nachdenkt. (9)
  • 07.11.2019: Leider sind wir bei 39 Toten angekommen und 2051 Fällen
  • 08.11.2019: Die CDC erklärt, dass Vitamin E Acetat der Verursacher ist. (10 und 11)
  • 18.11.2019: Präsident Trump erklärt, kein komplettes Verbot von Dampfprodukten mehr anzustreben. (12)
  • 22.11.2019: Runder Tisch zum Thema „dampfen“ im Weißen Haus (13)
  • 05.12.2019: Man ist mittlerweile bei 48 Toten und 2291 Fällen angekommen.
  • 18.02.2020: Die CDC kommt auf 2807 Fälle mit 68 Toten. Es gab einen schnellen Anstieg im August 2019 und die Spitze schon im September 2019. Die Behandlung der Fälle war oft sehr langwierig und die Erfassung nicht zeitnah. (14)

Man muss leider sehr klar sagen, dass eine schnellere und klarere Aussage der Behörden, dass es um THC Kartuschen geht, vermutlich die meisten Fälle hätte verhindern können. Das politische Ziel, die Schuld so lange wie mögliche den E Zigaretten zuzuschieben, hat etliche Menschenleben gekostet.

Wieso Vitamin E Acetat?

Seit ca. 2018 findet man immer häufiger Vitamin E Acetat ( Tocopherylacetat) (27) in Schwarzmarktkartuschen mit THC-Inhalt. Oft geht es dabei um Plagiate von bekannten und legalen Marken, die über den Schwarzmarkt vertrieben werden. In ihnen wird Vitamin E Actetat als Streckmittel verwendet, da es durch seine verdickenden Eigenschaften eine höhere Qualität suggeriert, als man geliefert bekommt. Viele Kunden verbinden mit einem sehr zähflüssigen THC Liquid eine hohe Qualität. Dadurch war es möglich, durch Verwendung von Verdickungsmitteln auch minderwertige Produkte für den Kunden eher hochwertig erscheinen zu lassen.

Es gab in den USA mehrere größere Anbieter, die es gezielt als „Verdickungsmittel“ zu diesem Zweck vermarket haben (28). Auch legale Anbieter haben es teilweise in geringen Dosierungen verwendet. Es war ausdrücklich nicht verboten. Es gibt sogar Studien, die zumindest für α-Tocopherole eine positive Wirkung in inhalierter Form bescheinigt haben (29). Diese nutzten es aber nie in so hohen Konzentrationen, wie sie auf dem illegalen Markt anzutreffen waren (26). Dass das Inhalieren von sog. fetten Ölen, vor allem in diesen Konzentrationen, aber grundsätzlich keine gute Idee ist hätte den Anbietern auffallen müssen!

In nikotinhaltigen E-Liquids wird es nicht verwendet (25).

Die THC-Problematik

Der Genuss von THC Produkten ist in vielen US Bundesstaaten nach wie vor illegal. Auch auf Bundesebene trifft das immer noch zu. Das hat natürlich gerade bei einem Durchschnittsalter der Betroffenen von gerade Mal 24 Jahren die Folge, dass viele den Genuss von illegalen Produkten abstreiten. Auch darf man hier nicht vergessen, dass einige betroffene Jugendliche im Krankenhaus in Gegenwart ihrer Eltern vernommen wurden. Das steigert die Wahrscheinlichkeit, nicht ganz offen zu sein, merklich.

Auch darf man nicht vergessen, dass in den USA etliche Krankenversicherungen die Kostenübernahme für die Behandlung ablehnen würden, wenn die Erkrankung die Folge von illegalem Drogenkonsum ist. Bei den dortigen Kosten bedeutet das die Insolvenz des Erkrankten!

Diagnose

In 94% der Fälle konnte noch in der Lunge der Betroffenen Vitamin E Acetat nachgewiesen werden (10). In nicht einem Fall konnte die Erkrankung auf marktübliche nikotinhaltige oder nikotinfreie Produkte zurückgeführt werden. Es gab aber natürlich Fälle, in denen der Klient sowohl Nikotin als auch THC konsumiert hat.

Das US Master Settlement Agreement

Im Jahr 1998 haben die meisten US-Bundesstaaten und die Tabakindustrie das sogenannte Master Settlement Agreement geschlossen. Darin verpflichtet sich die US Tabakindustrie, den 46 teilnehmenden Bundesstaaten sowie diversen weiteren öffentlichen Empfängern regelmäßig milliardenschwere Zahlungen, abhängig von der Menge an verkauften Tabakprodukten zu leisten. Angepeilt waren dabei Zahlungen in Höhe von über 200 Milliarden für die ersten 25 Jahre. Im Gegenzug erlaubten diese Staaten keine weiteren Klagen bezüglich der Gesundheitsschäden des Rauchens gegen die Tabakkonzerne und schufen so Rechtssicherheit für die Branche.

Einige Bundesstaaten haben diese geschätzten Einnahmen bereits vor Jahrzehnten als Bonds an den Kapitalmarkt gebracht (19), also in Erwartung zukünftiger Einnahmen durch die Tabakindustrie gut verzinste staatliche Anleihen verkauft. Jedoch entwickelten sich der Tabakmarkt nicht wie erwartet. Statt stabiler oder steigender Raucherzahlen gingen die Zahlen nach unten. Diese Rückgänge in den Zigarettenverkäufen sind zumindest teilweise auf den Markteintritt der E-Zigarette zurückzuführen. Das bedroht direkt diese Bonds, da den ausgebenden Staaten jetzt Geldmittel fehlen, um die versprochenen Dividenden auszuzahlen.  Bereits jetzt sind einige US Bundesstaaten aufgrund dessen in ihrer Kreditwürdigkeit mehrfach herabgestuft worden. Im Jahr 2020 ist durch die große Zahl ausfallender Anleihen von Bundesstaaten beinahe der sog. Repomarkt zusammengebrochen und musste von der Fed (US Zentralbank) mit einem deutlich dreistelligen Milliardenbetrag gestützt werden, damit nicht der gesamte US-Dollar in sich zusammenfällt. Das sind seltsamerweise die gleichen Bundesstaaten, die am lautesten versuchen, gegen den Gebrauch von E Zigaretten vorzugehen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Legaler vs illegaler Markt

Man kann sehr klar sagen, dass die parallele Existenz von legalem und illegalem Verkauf ebenfalls ein relevanter Faktor war. Niemand würde selbst seine THC Kartuschen mit Vitamin E Acetat strecken, das ergäbe schlicht keinen Sinn. Das hat auch kein einziger Mensch in der EVALI Krise getan. Es ist aber für den Schwarzmarkt natürlich sehr verlockend, die eigene Gewinnspanne durch das Strecken minderwertiger Produkte zu maximieren. Dabei wurden (teilweise) gezielt bekannte Marken incl Verpackung nachgemacht.

Offene vs geschlossene Systeme

Es waren beinahe ausschließlich vorgefüllte Pods betroffen – also genau die geschlossenen Systeme, die laut den Kritikern so viel sicherer sind. Diese werden im legalen Markt fast exklusiv von der Tabakindustrie vertrieben. Ein Verbot oder eine strengere Regulierung von offenen Systemen (vom Verbraucher selbst zu befüllende Verdampfer) wird keine weitere Evali-Krise verhindern (20). Diese offenen Systeme waren von EVALI nicht betroffen.  Solange es aufgrund von Verboten oder zu hoher Besteuerung einen Schwarzmarkt gibt, besteht das Risiko einer Wiederholung.

Betroffen sind davon aber ausschließlich die Nutzer von geschlossenen Systemen, bei denen der Kunde „blind“ fertig befüllte Kartuschen erwirbt. Nutzer sog. offener System sind dagegen i.d.R. besser informiert und sich auch eventueller Risiken bewusst. Keiner davon würde freiwillig jemals Tocopherylacetat nutzen weil das einfach keinerlei Nutzen hätte.


Quellennachweise:

  1. https://www.cdc.gov/media/releases/2019/s0821-cdc-fda-states-e-cigarettes.html
  2. https://apnews.com/article/b05de1dd26a54ae88de4d77eb7b41e6f
  3. https://emergency.cdc.gov/han/han00421.asp
  4. https://www.nytimes.com/2019/09/04/health/vaping-death-lung.html
  5. https://twitter.com/SenatorDurbin/status/1170057754494586880
  6. https://www.washingtonpost.com/health/2019/09/19/vaping-related-illnesses-surge-fda-announces-criminal-probe/
  7. https://www.cdph.ca.gov/Programs/CCDPHP/CDPH%20Document%20Library/California%20Department%20of%20Public%20Health%20-%20Health%20Advisory%20September%2024,%202019.pdf
  8. https://www.q13fox.com/news/board-of-health-approves-washington-ban-on-flavored-vaping-products-effective-thursday
  9. https://www.wsj.com/articles/trump-administration-expected-to-ban-vape-flavors-except-tobacco-and-menthol-11572649682
  10. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1916433
  11. https://content.govdelivery.com/accounts/WALCB/bulletins/26b0bee
  12. https://www.nytimes.com/2019/11/17/health/trump-vaping-ban.html
  13. https://www.cbsnews.com/news/trump-speaks-at-vaping-roundtable-white-house-today-2019-11-22-live-stream/
  14. https://www.cdc.gov/tobacco/basic_information/e-cigarettes/severe-lung-disease.html
  15. https://www.cdc.gov/tobacco/basic_information/e-cigarettes/severe-lung-disease.html#map-cases
  16. https://www.nbcnews.com/health/vaping/tests-show-bootleg-marijuana-vapes-tainted-hydrogen-cyanide-n1059356
  17. https://oag.ca.gov/tobacco/msa
  18. https://en.wikipedia.org/wiki/Tobacco_Master_Settlement_Agreement
  19. https://www.nytimes.com/2014/10/07/opinion/how-the-big-tobacco-deal-went-bad.html
  20. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/add.15205
  21. https://www.rollingstone.com/culture/culture-news/thc-carts-vitamin-e-oil-880917/
  22. https://www.rollingstone.com/culture/culture-features/counterfeit-thc-vapes-cdc-vaping-health-alert-875931/
  23. https://www.nbcnews.com/health/vaping/vitamin-e-now-focus-investigation-some-vaping-illnesses-n1050361
  24. https://www.health.ny.gov/press/releases/2019/2019-09-05_vaping.htm
  25. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31785207/
  26. https://www.leafly.com/news/health/vape-pen-lung-disease-vitamin-e-oil-explained
  27. https://www.umweltbundesamt.de/themen/gefahrstoffschnellauskunft-informiert-zu-vitamin-e
  28. https://www.governor.ny.gov/news/governor-cuomo-takes-aggressive-action-protect-new-yorkers-harmful-and-addictive-vaping
  29. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3778733/

Marc Duerr im Auftrag des BVRA

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